aktualisiert am 4. März 2019

Systemische Sozialarbeit

Systemische Sozialarbeit umfasst eine Vielfalt von Theorien, Methoden und Haltungen – mit diesem Begriff werden also ganz unterschiedliche Ansätze bezeichnet, die jeweils durch die Menschen bestimmt werden, die sie anwenden. Systemische Sozialarbeit als Arbeitsansatz entspricht einem Werkzeug (keiner Wahrheit), das es in den unterschiedlichsten Ausführungen gibt. Die Menschen, die systemisch arbeiten, verwenden dieses Werkzeug, d.h. die dahinter stehenden Ideen, Konzepte, Einstellungen und Methoden im Hinblick darauf, ob und wann sie nützlich sind. Angesichts der Vielfalt unterschiedlicher Ansätze ist ein wesentliches Kennzeichen systemischer Sozialarbeit damit offensichtlich auch das Aushalten-Können von Vielfalt und der Verzicht auf eine einzige Wahrheit.

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Systemisch heißt für uns,

u.a. von folgenden Voraus-Setzungen auszugehen:

  • Es gibt immer mindestens sieben Möglichkeiten.
  • Die Umwelt, die wir wahrnehmen, ist unsere Erfindung.
  • Probleme sind Ansichtssache.
  • Alles fließt. Veränderung findet immer statt. Vorfall statt Rückfall.
  • Menschen tun immer das, was sie wollen.
  • Menschen sind die Experten für ihr Leben.
  • Jeder hat gute Gründe für das, was er/sie tut.
  • Alle Menschen wollen immer kooperieren.
  • Systeme existieren. Stimmt’s? Stimmt nicht!
  • Theorien sind Werkzeuge

Diese Voraus-Setzungen sind für uns nicht „wahr“, können aber nützlich sein, sozusagen als Arbeitshypothesen – und häufig gerade dann, wenn es schwierig wird (und sie schwierig anzuwenden scheinen), können sie brauchbar werden.

Was das im einzelnen in der Sozialarbeit bedeuten kann, und wie diese Voraus-Setzungen im Arbeitsalltag in praktisches Handeln übersetzt werden können, ist u.a. Gegenstand des Konzepts der Systemischen Sozialarbeit.

Dabei bemühen wir uns auch, unsere Lehre auf systemische Art und Weise zu gestalten:

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Systemisch zu lehren und zu lernen heißt für uns,

  • das Vorwissen der Studierenden, ihre Sichtweisen und ihr Erkenntnisinteresse als Ressourcen zu sehen, einzubeziehen und zu nutzen,
  • das Gelehrte als ein Angebot an die Studierenden zu verstehen,
  • Lernen als einen aktiven Prozess des gemeinsamen Konstruierens zu verstehen,
  • Studieninhalte aus unterschiedlichen Perspektiven vorzustellen,
  • davon aus zu gehen, dass wissenschaftliche Theorien keine endgültigen Wahrheiten formulieren,
  • Lehren als die Verstörung bisheriger Denk- und Handlungsmöglichkeiten zu begreifen und den Studierenden die Möglichkeit zu eröffnen, gelehrte Theorien, Haltungen und Methoden in Abhängigkeit angestrebter Ziele und möglicher Problemlösungen zu beurteilen,
  • den Studierenden vielfältige Möglichkeiten interaktiven und experimentellen Lernens zur Verfügung zu stellen und Lernen immer als autonomen Prozess der Wissensaneignung zu begreifen,
  • durch anregende Lernumgebungen Neugierde, Staunen und Zweifeln der Studierenden zu nutzen, um ein Lernen mit Spaß zu ermöglichen.

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Systemisch zu forschen heißt für uns,

  • uns selbst wie auch anderen (KollegInnen und Laien!) unsere Verantwortung als Forscher immer mal wieder in Erinnerung zu bringen (z.B. mit einer „konstruktivistischen Klausel“), dass wir mit unserer Forschung zugleich immer auch die von uns erforschte Wirklichkeit gestalten und erschaffen,
  • immer wieder mal explizit darauf hinzuweisen, dass wir als ForscherInnen nicht neutral sind, sondern die vielfältigsten Eigeninteressen verfolgen, und dass wir immer auch von unseren eigenen Auffassungen, Annahmen, Vermutungen, Glaubenssätzen, Überzeugungen, Vorurteilen und Stereotypen geleitet werden, die wir – bei aller bemühten Neutralität – so wie jede/r andere natürlich gerne bestätigt haben möchten.
  • uns explizit auf die Kontexte, aus denen heraus wir forschen, zu beziehen; wir verweisen darauf und stellen dies auch sprachlich dar, indem wir uns selbst („ich“, „nach meiner Auffassung“, „aus meiner Perspektive“) erwähnen und durch Konjunktive und andere Relativierungen („manchmal“, „häufiger“) an Kontingenz und weitere Möglichkeiten erinnere („u.a.“, „es könnte auch sein“: andere würden es anders sehen, ich selbst könnte einen anderen Standpunkt einnehmen), unsere Erkenntnisse relativieren,
  • Vielfalt/ Diversität/ Mehrdeutigkeit zuzulassen und zu erinnern – was selbstverständlich natürlich auch für diese Definition von „systemisch forschen“ gilt,
  • nicht nach „wahren Definitionen“ zu suchen, sondern uns zu erinnern, dass Definitionen immer für einen bestimmten Zweck gebildet werden.

    vgl. auch Johannes Herwig-Lempp (2014), Was ist systemische Forschung? Beitrag zu einer Diskussion auf der Seite www.systemisch-forschen.de: http://www.systemisch-forschen.de/was_ist_systemische_forschung